Philosophie – Informationen für die Jahrgangsstufe 9

I. Fachbeschreibung

Es gibt vielfältige Möglichkeiten zu erläutern, was Philosophie ist. Hier sei der Weg über die Frage als ureigenste Methode der Philosophie gewählt. Will man wissen, was das Besondere des philosophischen Fragens ist, lässt sich die Antwort in zweifacher Hinsicht geben: einerseits durch Hinweis auf die Art, wie in der Philosophie gefragt wird, andererseits durch Angabe dessen, wonach in der Philosophie gefragt wird. Philosophisches Fragen lässt sich als radikales Fragen bestimmen. Als radikal weist sich ein Fragen dann aus, wenn es auch die Antworten, die ihm gesichert erscheinen, immer wieder überprüft und gegebenenfalls revidiert. Allen Fragestellungen der Philosophie ist gemein, dass sie nichts als wahr und richtig hinnehmen wollen, was man auch nur im Geringsten bezweifeln kann. Die Radikalität des philosophischen Fragens bestimmt sich weiterhin durch das, wonach gefragt wird. Radikales Fragen richtet sich – wie der Begriff andeutet – auf  die „Wurzeln“. Damit ist wiederum zweierlei gemeint. Fragen wie „Gibt es einen Gott?“, „Ist die Seele ewig?“, „Wo ist der Sinn von allem?“,  „Ist es moralisch vertretbar, Designer-Kinder zu wollen?“ führen uns in Grenzbereiche unseres Denkens und Handelns. Dabei geschieht es nicht selten, dass sie einige von uns als sicher erachtete Halte- und Orientierungspunkte unseres Selbst- und Weltverständnisses ins Wanken bringen, wenn nicht gar erschüttern. Die Frage ist: Halten wir das aus? Wenn ja, dann stehen wir auf der Seite der Philosophie. Wenn nein, dann verlassen wir den Bereich des Wissens und suchen anderswo Halt. Philosophisches Fragen durchbricht  als radikales, tiefgründiges Fragen nicht nur die Oberfläche unserer persönlichen Existenz – es „packt“ uns sozusagen „an den Wurzeln“ – , es überschreitet auch die Grenzen, die den sog. empirischen Wissenschaften [Naturwissenschaften, Geschichtswissenschaft, Rechtswissenschaft, etc.] und der Mathematik gesetzt sind. Was in diesen Wissenschaften als selbstverständlich vorausgesetzt wird, das will die Philosophie genau wissen. Ihre Fragen fangen erst da an, wo die sog. Einzelwissenschaften aufhören zu fragen. Ein Beispiel aus der Physik möge dies verdeutlichen: Die Physiker gehen davon aus, dass das Universum mit dem Urknall seinen Anfang nahm. Wenn jedoch für die Naturwissenschaften gilt, dass alles, was ist bzw. geschieht, als Wirkung einer Ursache zu verstehen ist, dann sieht sich die Urknall-Theorie mit der Frage konfrontiert, wer oder was es denn da hat knallen lassen. Ist das Buch der Natur nur so zu lesen, dass jedes Ereignis auf eine Ursache zurückgeführt werden muss, die wiederum als Wirkung einer anderen sie bedingenden Ursache zu erklären ist, dann ist die Frage nach der Ursache für die Existenz des Universums von den Naturwissenschaften nicht zu beantworten. Denn welches Ereignis sie auch als Ursache angeben, stets stellt sich die Frage neu: Und was hat dieses Ereignis verursacht?  Die Frage ‚Wer oder was hat das Universum erschaffen?’ wie die noch tiefgründigere Frage ‚Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?’ ist von den Naturwissenschaften mit ihren Mitteln und Methoden nicht zu lösen. Beide Fragen fallen in den Zuständigkeitsbereich der Philosophie. Weitere Beispiele dafür, dass Philosophie radikaler fragt als die o.g. Wissenschaften, finden sich in Thomas Nagels Einführung in die Philosophie. Dort heißt es: „ Ein Historiker mag fragen, was in einem bestimmten Zeitraum der Vergangenheit geschah, doch ein Philosoph wird fragen: »Was ist die Zeit?« Ein Mathematiker wird das Verhältnis der Zahlen untereinander erforschen, doch ein Philosoph fragt: »Was ist eine Zahl?« Ein Physiker wird fragen, woraus die Atome bestehen und was für die Schwerkraft verantwortlich ist, doch ein Philosoph wird fragen, woher wir wissen können, dass es außerhalb unseres eigenen Bewusstseins etwas gibt. Ein Psychologe mag untersuchen, wie ein Kind eine Sprache erlernt, doch ein Philosoph fragt eher: »Was ist dafür verantwortlich, dass ein Wort eine Bedeutung hat?«  Jeder kann sich fragen, ob es unrecht ist, sich ohne eine Eintrittskarte ins Kino zu schleichen, doch ein Philosoph wird fragen: »Was macht etwas zu einer rechten oder unrechten Handlung?«“ [Thomas Nagel, Was bedeutet das alles? New York / Oxford. 1987. Reclam-Ausgabe. S. 8, 9.]. Radikales Fragen heißt aber auch, sein eigenes Fragen in Frage zu stellen. Selbstkritik ist ein wesentlicher Bestandteil der Philosophie. So warnen einige Philosophen davor, das ‚Warum-Fragen’  auf die Spitze zu treiben. Sie versuchen zu zeigen, dass die Suche nach letzten Gründen ein auswegloses Unterfangen sei, da jeder Letztbegründungsversuch entweder zu einem unendlichen Regress [Die Kette der zur Begründung anstehenden Sätze reißt nicht ab: Jeder Satz, der einen anderen begründet, muss seinerseits begründet werden.] oder zu einem logischen Zirkel [Ein Beispiel für eine zirkuläre Argumentation ist folgender Dialog zwischen der kleinen Erna und ihrer Mutter:

- Warum muss ich essen, Mama? - Damit du groß und stark wirst, Erna!  - Und warum muss ich groß und stark werden? - Damit du arbeiten kannst! - Warum muss ich arbeiten? - Damit du Geld verdienst! - Warum muss ich Geld verdienen? - Damit du etwas zu essen hast! - Warum muss ich essen? …
(Vgl. H. Seiffert, Marxismus und bürgerliche Wissenschaft. München 1971. S. 181.)] oder zu einem Abbruch des Begründungsverfahrens durch eine willkürliche Setzung [Man stellt eine Aussage oder Überzeugung als derart sicher hin, dass diese nicht der Begründung bedürftig ist.] führe.

Im Philosophieunterricht geht es also um den Versuch, Grundfragen des Menschen zu beantworten. Arbeit mit und an philosophischen Texten, Darstellung und kritische Prüfung philosophischer Positionen, selbstkritische Überprüfung der eigenen Meinungen und Standpunkte, Diskussionen über philosophische Probleme – das sind die wichtigsten Bausteine des Philosophieunterrichts. Noch ein nicht unwichtiger Hinweis: Philosophie fühlt sich von alters her der Logik, dem folgerichtigen Denken, verpflichtet. Daher wird im Philosophieunterricht großer Wert darauf gelegt, die Schüler und Schülerinnen anzuleiten, exakt zu denken, begrifflich klar und deutlich zu unterscheiden und präzise zu argumentieren. Die Schüler und Schülerinnen erwerben somit Fertigkeiten, die ihnen auch in anderen Fächern zugutekommen.

Wer also gerne – richtig – denkt, sich gerne radikalen Fragen stellt, und wer zudem bereit ist, Texte auch zwei- oder dreimal zu lesen [philosophische Texte sind von ihrer Begrifflichkeit und ihrer Problemstellung her nicht immer im ersten Zugriff verstehbar], der wird im Fach Philosophie ein seine Persönlichkeit bildendes und damit bereicherndes Betätigungsfeld finden.

II. Ein Ausschnitt aus dem Bereich von Fragen, die im Philosophieunterricht in den Jahrgangsstufen 10-12 bearbeitet werden:

Einführungskurs (10/1):

- Wie argumentiere ich richtig?
- Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Woher wissen wir, dass die Werlt virtuell ist?
- Was ist der Sinn des Lebens?

Anthropologie (10/2):

- Gibt es einen qualitativen Unterschied zwischen Mensch und Tier? Haben hochentwickelte Tiere neben dem  Wahrnehmungsbewusstsein auch ein Ich-Bewusstsein? Wenn es keinen grundsätzlichen  Unterschied zwischen Tier und Mensch gibt, können wir es dann moralisch rechtfertigen, Tiere zu  töten?
- Ist der Mensch in seinem Willen frei oder muss er wollen, was er will?
- Gibt es eine Seele? Wenn ja, ist sie materieller oder immaterieller Natur? Wenn sie immateriell ist, in welchem Verhältnis steht sie dann zum materiellen Körper? Lebt die Seele nachdem Ableben des Körpers weiter?

Moralphilosophie (11/1):

- Nach welchen Wertvorstellungen sollen wir leben?
- Gibt es zeitlose Werte?
- Was macht uns glücklich?
- Sollte Streben nach Glück oder Pflichterfüllung Ziel menschlichen Handelns sein?
- Ist es moralisch vertretbar, unsere Kinder genetisch vorzubestimmen?
- Kommt Moral ohne Religion aus?
- Worauf gründen moralische Urteile?
- Lassen sich moralische Konflikte rational lösen?
- Warum überhaupt moralisch sein?

Politische Philosophie (11/2):

- Was verstehen wir unter einem gerechten Staat?
- Ist Gerechtigkeit das höchste Kriterium für politisches Handeln? Ist Freiheit nicht vorzuziehen? Oder Sicherheit? Oder kollektives Wohlergehen?
- Wie sollten Moral und Politik zueinander stehen?
- Wie kann politische Herrschaft gerechtfertigt werden?
- Ist politische Herrschaft notwendig oder kann es eine herrschaftsfreie Gesellschaft geben?
- Wie sollte in einem Staat das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit bestimmt werden?
- Darf den politisch Verantwortlichen eines demokratischen Rechtsstaates das Recht zuerkannt werden, zum Zwecke des Schutzes des Staates auf Mittel zurückzugreifen, die den Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit zuwiderlaufen?

Erkenntnistheorie / Wissenschaftstheorie (12/1und 2)

- Was kann ich wissen? Wo liegen die Grenzen menschlicher Erkenntnis?
- Wie kommt die Welt in den Kopf?
- Ist Wahrnehmung Wissen?
- Wie kommt das Denken in die Welt?
- Ist die materielle Welt ein Traum, die Zeit eine Illusion?
- Gibt es eine objektive Wahrheit?
- Wie kann ich sicherstellen, dass die Urteile des Denksubjekts mit den wirklichen Zusammenhängen in der Außenwelt übereinstimmen?
- Kann ich überhaupt etwas mit letzter Sicherheit wissen? Wenn alles Wissen unsicher ist, ist denn zumindest dies sicher: dass alles unsicher ist?
- Worin unterscheiden sich die Naturwissenschaften von den Geisteswissenschaften?